Meisterwerke – Final Fantasy IX

In der Artikelreihe „Meisterwerke“ stelle ich euch meine absoluten Lieblingsspiele vor. Egal, ob Retro-Klassiker oder aktueller Blockbuster – alles findet hier seinen Platz, solange es mich nachhaltig genug beeindrucken konnte. In dieser Ausgabe präsentiere ich auch das im Jahr 2001 von Squaresoft veröffentlichte Rollenspiel Final Fantasy IX

Die Frage nach meinem Lieblingsspiel ist eigentlich eine Frage, auf die ich keine eindeutige Antwort habe. Je nach Gemütslage schwankt meine Antwort nämlich zwischen zwei bis drei verschiedenen Titeln und genau daraus jetzt einen herauszupicken, fällt mir verdammt schwer. Was ich in solchen Momenten gerne mache, ist, die Soundtracks der Spiele anzuschmeißen und zu schauen, welcher mich davon gerade emotional am stärksten packt. Und genau das könnt ihr jetzt auch machen, während ich euch vom charmantesten und sympathischsten Rollenspiel aller Zeiten erzähle. Habt ihr das Video im Hintergrund gestartet? Okay, dann kann es ja losgehen!

Mit Final Fantasy IX brachte Squaresoft 2001 (Europa) sehr spät im Lebenszyklus der PlayStation 1 nochmal ein Spiel, das etwas aus der Reihe tanzte – zumindest war das mein damaliger Eindruck. Ich kannte die Serie bereits durch die beiden PS1-Vorgänger, doch mit den älteren Teilen hatte ich bis zu dem Zeitpunkt noch keinen Kontakt. Meine grundlegende Vorstellung von Final Fantasy war daher geprägt von modernen und realistischen Settings, sowie normal proportionierten Charakteren. Ich erfuhr das erste Mal vom neunten Teil durch eines der Spielemagazine, die meine Brüder damals ab und zu mitbrachten und wurde besonders hellhörig, als ich den Protagonisten Zidane sah. „Ein Charakter, der aussieht wie Son Goku? Das muss ich weiterverfolgen!“, sagte der damalige Dragon Ball-Fan in mir. Gesagt, getan und einige Zeit später rotierte die erste der insgesamt vier CDs im Laufwerk der heimischen PlayStation.

Was ich damals natürlich nicht wusste: Final Fantasy IX ist in vielerlei Hinsicht eine Liebeserklärung an die Reihe und ein Zurückbesinnen auf alte Traditionen. Es war außerdem das Ende einer lange verwendeten Design-Struktur, der spätere Teile nicht mehr folgen sollten. Aber kommen wir zu den Details. Was genau macht Final Fantasy IX so wahnsinnig gut?

Ich könnte allein Seiten darüber schwärmen wie fantastisch die Musik im Spiel ist, doch wo kämen wir da hin. Nobuo Uematsu zählt nicht ohne Grund zu den bekanntesten Videospielkomponisten der Welt und mit Final Fantasy IX stellte er genau das meisterhaft unter Beweis. Angefangen bei der melancholischen Titelmelodie „A Place to Call Home“ über das verspielte „Vivi’s Theme“, das epochale „Bahamut Raid“ oder das herzzerreißende „Rose of May“. Der Soundtrack gibt die komplette Bandbreite an Emotionen her und bleibt dennoch in sich stimmig. Und genau diese Vielfalt zieht sich auch durch die Geschichte und ihre Charaktere.

Final Fantasy IX wirkt auf den ersten Blick wie ein zum Spiel gewordenes Märchen. Es ist wunderschön bunt, es gibt etliche anthropomorphe Figuren, sowie jede Menge Witz und Charme beim Interagieren mit der Welt und ihren Bewohnern. Ein besonderes Highlight sind für mich dabei immer noch die kleinen Animationen der Charaktere, um Emotionen darzustellen. Der tollpatschige Schwarzmagier Vivi zum Beispiel rückt sich aus Verlegenheit ständig den Hut zurecht, während Steiner mit seiner klappernden Ritterrüstung aus Wut gerne mal auf und ab hüpft. Man trifft auf seiner Reise jede Menge Figuren mit diesen leicht überzogenen, aber gerade deswegen unglaublich sympathischen, Marotten. Bei vielen von diesen äußert sich das auch durch eine bestimmte Art zu reden oder ein Wort das sie häufig verwenden. Ein besonderes Lob gilt hierbei der deutschen Lokalisation, die sich sichtlich Gedanken gemacht hat, wie man diese Eigenheiten originalgetreu übersetzen kann. Cinna, ein Mitglied der Diebesbande von Zidane, spricht bei uns beispielsweise durchgehend mit starkem Bayrischen-Akzent.

Der Humor gehört zu einer der großen Stärken des Spiels, aber Final Fantasy IX ist mehr als das. Im Kern der Handlung geht es um sehr ernste, teilweise auch sehr poetische Themen. Was bedeutet es zu leben? Braucht es einen Grund anderen zu helfen? Was ist mein zu Hause? Das sind nur einige der Fragen, mit denen sich unsere Helden herumschlagen. Besonders Vivi, der im Laufe der Geschichte die grausame Wahrheit über seine Herkunft erfährt, ist dabei eine der tragischsten aber auch gleichzeitig glaubwürdigsten Figuren die ich je in einem Videospiel erlebt habe. Generell bietet Final Fantasy IX meinen absoluten Lieblingscast und das genreübergreifend, sowohl was Hauptfiguren als auch NPCs betrifft. Die schiere Vielfalt an erinnerungswürdigen Charakteren ist einfach großartig.

Ein wichtiger Faktor dabei ist, dass sich das Spiel Zeit für seine Figuren nimmt. Wir rennen nicht nur von einem Storypunkt zum nächsten, sondern sehen auch was zwischen diesen passiert, welche Gedanken die Helden auf ihrer Reise plagen und wie sie sich kennenlernen. Speziell in diesen ruhigen Momenten, merkt man wie toll ausgearbeitet und facettenreich diese sind. Eine gute Romanze zu erzählen funktioniert nur dann, wenn man ihr genügend Raum zum Entfalten gibt und genau das schafft Final Fantasy IX mit der Beziehung von Zidane und Lili. Schließlich ist das der Aufbau zum großen Pay-off, der das emotionale Finale des Spiels trägt. Im Kontrast dazu weiß das Spiel aber auch, wann es Zeit für actionreiche Spektakel ist. Squares CG-Abteilung Visual Works zauberte hier Szenen mit einer Qualität auf den Bildschirm, die mir damals die Kinnlade herunterklappen ließen. Szenen wie der Angriff von Bahamut auf die königliche Stadt Alexandria oder der Flug durch das Nordtor, sind unvergessliche Momente, die mir auch heute noch Gänsehaut bescheren.

Wo wir gerade beim Visuellen sind: Nicht nur strotzen die wunderschön gerenderten Hintergründe gerade so vor Detailverliebtheit und Kreativität, nein, sie schaffen es vor allem eine glaubwürdige Welt darzustellen. Die Stadt Lindblum wirkt wie eine echte Stadt, auch wenn sie faktisch gar nicht so groß sein kann, schon allein aus technischen Gründen. Dabei ist jeder Ort extrem fein ausgearbeitet und wirkt niemals so, als sei er um die Heldentruppe herumgebaut worden, sondern als existierte er für sich selbst. Verbunden sind die Ortschaften, wie schon in den Vorgängern, via 3D-Miniweltkarte, die man später auch mit Chocobos und Luftschiffen bereisen kann. Ich nenne diese Welten-Struktur gerne „offene Linearität“, da man von der Geschichte zwar zunächst von einem Ort zum nächsten geschickt wird, innerhalb dieser aber nach eigenem Tempo die Gebiete erkunden kann. Der zurückgelegte Weg fühlt sich dadurch wie ein echtes Abenteuer an und sobald man gegen Ende die komplette Welt frei bereisen kann, bekommt man ein tolles Gefühl davon, etwas großes geschafft zu haben. Was damals sehr wahrscheinlich aufgrund von technischen Limitationen geboren wurde, ist für mich bis heute die unangefochten beste „Open World“ eines Rollenspiels.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem kleinen Artikel etwas näherbringen, wieso mir Final Fantasy IX so am Herzen liegt. Wer jetzt vor hat, selbst in die fantastische Welt von Gaia einzutauchen, der hat heute glücklicherweise sehr viele Möglichkeiten bei der Plattformwahl. Trotzdem empfehle ich euch die aktuelle PC-Version (inzwischen auch erhältlich für PlayStation 4, Xbox One und Nintendo Switch), da sie nicht nur optisch die beste Figur abgibt, sondern auch einige Komfort-Funktionen für Leute bietet, denen das ATB-Kampfsystem heutzutage etwas zu träge ist. Viel Spaß euch noch, kupo!

Ouji

Ouji

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