Im Test: Metal Gear Solid V: The Phantom Pain

Lange mussten Spieler auf den offiziell fünften Teil der traditionsreichen Metal Gear Solid-Reihe warten. Mit Metal Gear Solid V: Ground Zeroes gab man vor knapp eineinhalb Jahren nicht nur einen ersten Einblick in die komplett runderneuerten Spielmechaniken, sondern lieferte auch den Prolog zu The Phantom Pain. Die Vorfreude auf das Abenteuer rund um den berühmtesten Soldaten der Welt war nicht zuletzt deswegen so groß, weil wir es dieses mal mit dem Abschlusswerk des Serienschöpfers Hideo Kojima zu tun haben. Mit untypischen Schlagwörtern für die Reihe wie „Metal Gear goes Open World“ und dem Wechsel des bekannten Synchronsprechers David Hayter zu Kiefer Sutherland, gab es im Vorfeld jede Menge hitzige Diskussionen. Doch wie genau fühlen sich diese Neuerungen letztendlich im Spiel an? Ist Metal Gear Solid V: The Phantom Pain wirklich das angepriesene Magnum Opus von Kojima Productions – oder entpuppt sich der Ausflug in die offene Spielwelt am Ende doch als massiver Fehlgriff?

Ein perfekter Einstieg?

Wir schreiben das Jahr 1984. Neun Jahre sind vergangen, seitdem die mysteriöse Spezialeinheit “FOX“ die Mother Base zerstört hat und Big Boss durch eine List in ein langes Koma verfrachtet wurde. Unser Held wacht nun endlich nach seinem neunjährigen Koma in einem Krankenhaus wieder auf und ist sichtlich geschockt – sowohl was seinen körperlichen Zustand betrifft, als auch von dem, was in seiner Abwesenheit alles passiert ist. Der zuständige Doktor erklärt ihm außerdem, dass „die ganze Welt ihn nun tot sehen möchte“. Nicht lange dauert es deshalb, bis die ersten feindlichen Truppen das Krankenhaus stürmen und vor nichts zurückschrecken, um Big Boss in die Finger zu bekommen. In dem etwa einstündigen Intro-Kapitel wird inszenatorisch ein wahres Brett abgeliefert, das einen vor Spannung nur so an den Bildschirm fesselt. Absolut bildgewaltig und mit der typischen Prise an überzogener Metal Gear-Logik wird hier die Ausgangslage für die nächsten ~50+ Stunden geschaffen. Viele der Fragen und Rätsel die hier aufgeworfen werden, müssen aber nun erst einmal hinten angestellt werden, denn sowohl spielerisch als auch erzählerisch wird hier quasi ab dem ersten regulären Kapitel eine 180°-Wendung vollzogen.

Wo bleibt die Handlung?

Während der lineare und perfekt durchgeskriptete Anfang nichts ungewöhnliches für Fans der Reihe darstellt, wird nämlich schnell klar, dass dieser keineswegs repräsentativ für den Rest des Spiels ist. Statt wie üblich für die Serie mit linearer Stealth-Action und ausschweifenden Cutscenes zu glänzen, gibt es dieses Mal riesige Missionsgebiete, die dem Spieler die Freiheit geben, die Ziele durch unterschiedliche Herangehensweisen zu erfüllen. Zwischensequenzen sind nur noch spärlich gesät, was [irgendwie] ungemein schade ist, da diese nicht nur stets toll anzuschauen sind, sondern normalerweise auch dazu dienen, die Geschichte voranzutreiben. Ein großer Teil der Story, und somit viele Gespräche der Charaktere, wurde stattdessen auf Audiologs ausgelagert. Diese kann man sich während den Missionen oder auch beim freien Erkunden der Gegend anhören. Zwar erhält man durch diese oft interessante Informationen zur Handlung und den Personen, doch fällt es oftmals schwer sich während des Spielens darauf zu konzentrieren, weshalb richtige Zwischensequenzen für einige der wichtigen Gespräche deutlich sinnvoller gewesen wären. Der Zugang zur ohnehin schon komplexen Handlung wurde dadurch nämlich nochmal erschwert. Neue Audiolog-Kasetten können entweder gefunden oder durch wichtige Ereignisse freigeschaltet werden.

Rede mit mir, Big Boss!

Dramaturgisch gesehen kommt Metal Gear Solid V: The Phantom Pain leider nicht an die großen Vorgänger heran. Nach dem grandiosen Einstieg verliert die Geschichte ziemlich an Schwung und viele der eingeführten Charaktere, einschließlich des Antagonisten, bleiben (lange Zeit) blass. Zwar gibt es auch im großen Mittelteil immer mal wieder interessante Ereignisse, sowie einige serientypische Twists, doch erst gegen Ende hin zieht die Spannung wieder so richtig an und die Handlung wird glücklicherweise noch zu einem würdigen Abschluss gebracht. Ohnehin fällt es aber negativ auf, wie stumm doch Big Boss während des gesamten Abenteuers ist. Während Charaktere wie Ocelot und Miller ständig Befehle und Hinweise via Funk geben, ist es beinahe eine Seltenheit wenn unser Protagonist mal spricht. Diese Tatsache zieht sich selbst durch Zwischensequenzen, wodurch es manchmal auch zu etwas skurrilen Situation kommt. Sämtliche Missionen werden übrigens durch einen Vor- und einen Abspann eingerahmt, der sowohl Entwickler als auch die auftretenden Charaktere nennt. Der Mehrwert dieser „episodischen Struktur“ erschließt sich allerdings bis zuletzt nicht, im Gegenteil ist sie sogar störend, da dadurch überraschende Auftritte von Charakteren bereits im Vorspann verraten werden. Immerhin kann man sie aber per Tastendruck auch einfach überspringen.

„Metal Gear goes Open World“

…so lautet eines der wichtigsten Schlagworte, doch wie gelungen passt die offene Spielwelt in die sonst so lineare Reihe? Zunächst sollte man die „Open World“ von Metal Gear Solid V: The Phantom Pain etwas genauer erklären. Im Gegensatz zu anderen Spielen handelt es sich hier nämlich nicht um eine zusammenhängende oder gar wirklich lebendige Welt. Neben der Motherbase als Stützpunkt, gibt es zwei sehr große Areale, nämlich Afghanistan und Afrika. Bestückt sind diese jeweils mit zahlreichen feindlichen Basen, Stützpunkten und Ruinen. Städte, Dörfer oder auch Zivilisten gibt es eigentlich gar nicht. Gerade letzteres ist sehr schade, da man so, trotz zahlreicher Tiere und Pflanzen, nicht das Gefühl hat, sich in einer glaubhaften Welt, sondern nur in einem großen Missionsgebiet zu befinden. Die Gebiete sehen fantastisch aus, bieten aber für die Dauer in der man sich in ihnen aufhält, zu wenig zum Entdecken und irgendwann hat man sich auch an den tollen Panoramen sattgesehen. Drei, vier unterschiedlichere kleine Areale, statt der zwei riesigen zu verwenden, hätte hier sicherlich besser gewirkt, denn auch die Laufwege zu den einzelnen Missionszielen sind manchmal, trotz Fahrzeug, deutlich zu lang.

Der fantastische Kern des Spiels: das Gameplay!

Doch wenn man die Spielwelt mehr als Spielplatz anstelle einer lebendigen Welt sieht, lernt man diese ungewöhnliche „Open World“-Struktur mit der Zeit auch etwas mehr zu schätzen. Denn tatsächlich sind die Gebiete große Spielplätze zum Ausprobieren und Verknüpfen der verschiedenen Spielmechaniken. Im Gegensatz zu früheren Teilen der Reihe, ist dieses Mal nämlich nicht die Geschichte oder ihre Inszenierung der Star des Spiels, sondern das Gameplay. Durch die runderneuerte Steuerung hat sich ein Metal Gear – oder überhaupt das Schleichen in einem Videospiel – noch nie so gut angefühlt. Sämtliche Aktionen gehen nun locker von der Hand, keine sperrigen Doppelbelegungen mehr und Big Boss tut stets genau das, was man von ihm möchte. Durch die sehr offene Level-Struktur und die zahlreichen Waffen und Ausrüstungsgegenstände ist es einem nun selbst überlassen, wie man sein Ziel erreicht. Es ist großartig, dass das Spiel einem auch unzählige Möglichkeiten dazu bietet.

Man kann Metal Gear Solid V: The Phantom Pain nicht falsch spielen. Wer die ganze Zeit über unerkannt bleiben und schleichen möchte, kann das tun. Wer offensiv spielen und jeden Gegner ausschalten möchte, kann das tun. Wer einfach ohne Plan drauf los spielen möchte, kann auch das tun. Denn erst wenn man mal mit verschiedenen Waffen, Fahrzeugen und Begleitern, sowie dem Verhalten der Gegner herumexperimentiert, erkennt man, welche Möglichkeiten einem das Spiel eigentlich bietet. Bei den Begleitern handelt es sich übrigens um Gefährten, die man mit auf Missionen nehmen kann. So ist das Pferd, D-Horse, zum Beispiel nützlich, um schnell von A nach B zu kommen, während der Hund, D-Dog, feindliche Soldaten aufspürt und ablenkt, sowie auf dem Boden liegende Gegenstände einsammelt. Etwas enttäuschend sind die wenigen und auch eher mäßigen Bosskämpfe. Sobald man das Muster im Kampf herausgefunden hat, wird es repetitiv und mit der falschen Ausrüstung kann die Sache dann zusätzlich noch zu einer zähen und langwierigen Angelegenheit werden.                                                                                Intelligente Gegner

Wirklich gelungen ist hingegen der dynamische Tag-Nacht-Zyklus, sowie die unterschiedlichen Wetterverhältnisse. Je nachdem zu welcher Tageszeit man unterwegs ist, ändern sich quasi auch die Regeln beim Heranschleichen und Infiltrieren von Basen. So werden wir von Feinde in der Nacht nicht so schnell entdeckt wie am Tag, auch wenn man durch die Dunkelheit natürlich selbst weniger sieht. Andere Witterungsverhältnisse fordern andere Ausrüstungsgegenstände und somit andere Vorgehensweisen. Ein Sandsturm während einer Mission kann gerne mal die Rettung in letzter Sekunde sein, ein anderes Mal hingegen kann er einen tollen Plan vereiteln. Doch nicht nur das, auch reagieren die Gegner nach einiger Zeit dynamisch auf die Art wie bzw. wann man spielt. So rüsten sich die Gegner irgendwann mit Nachtsichgeräten aus, wenn sie merken, dass man gerne im Dunklen agiert oder sie besorgen sich Helme, wenn man zu viele Kopftreffer verteilt. Ohnehin kann sich die Gegner-KI sehen lassen. Zwar gibt es auch hier und da mal dämliche Aussetzer, aber generell wirken sie durch ihre unterschiedlichen und dynamischen Laufwege, sowie verschiedenen Wachablösungen, nicht so leicht vorhersehbar und verkommen dadurch niemals zu hirnlosem Schießfutter.

Aufbau der Motherbase: Das Spiel im Spiel?

Ziel von Big Boss und Co. ist es bekanntlich, für die neugegründete Organisation Diamond Dogs neue Leute zu rekrutieren. Und was braucht man dafür? Natürlich einen Stützpunkt, in diesem Fall die Motherbase. Durch das Erledigen von Missionen erhält man Geld, welches man in den Ausbau dieser Basis stecken kann – und auch sollte! Neu rekrutierte Mitglieder kann man in eine der verschiedenen Einheiten stecken, um sie entweder auf Missionen zu schicken und dadurch weiteres Geld zu verdienen oder man lässt sie an neuen Gegenständen und Technologien forschen / entwickeln. Das können medizinische Hilfsmittel, Ausrüstungsgegenstände und Waffen, Fahrzeuge oder neue Fähigkeiten für die Begleiter sein. Sammelt man zusätzlich noch die passenden Materialien, schalten sich schnell neue Gegenstände frei, die man wiederum auf Missionen benutzen kann. Aber auch die Basis selbst kann man durch neue Plattformen erweitern, die man anschließend besuchen und erkunden kann. Der Ausbau der Motherbase ist ein zentrales Spielelement, das aber gleichzeitig so umfangreich und motivierend ist, dass es glatt als eigenständiges Minigame durchgehen könnte. Wer hier wirklich alles freischalten möchte, wird unzählige Stunden damit beschäftigt sein.

Eine Prise Humor ist niemals verkehrt.

Die Handhabung all dieser Dinge wird übrigens durch das sogenannte iDroid übernommen. Ein kleines technisches Gerät mit schickem Interface, über das man sämtliche Befehle erteilt, Aufträge annimmt und so zum Beispiel auch Luftunterstützung oder neue Ressourcen während einer Mission anfordert. Wie man es von Metal Gear – oder allgemein von Kojima – gewohnt ist, gibt es auch in The Phantom Pain wieder viel Humor, zahlreiche Easter Eggs oder einfach nur charmante Details zu entdecken. Ob nun der Feige-Huhn-Helm, der einem hilft nicht entdeckt zu werden, die verschiedenen aufgedruckten Bilder der Kartons, welche feindliche Soldaten ablenken können oder einfach nur die belanglosen Gespräche der Soldaten auf der Motherbase.                                                                                  Besonders das Fulton-Rettungssystem, mit dem man mithilfe von Ballons alle möglichen Dinge befestigen und in die Luft steigen lassen kann, ist nicht nur immer wieder amüsant anzuschauen, sondern dieses Mal auch ein integraler Bestandteil des Gameplays. Sämtliche Soldaten, Gegenstände, Tiere oder Fahrzeuge, die man damit befestigt, werden nämlich direkt zur Motherbase gesandt und somit Teil eurer „Diamond Dogs“-Armee. Zum Ausbau der Motherbase und sämtlichen neuen Entwicklungen ist es also nötig, stets Ausschau nach fähigen Soldaten zu halten und diese anschließend mithilfe des Fultons lebendig zu extrahieren.

Beeindruckende Technik

Grafisch gesehen liefert Metal Gear Solid V: The Phantom Pain ein grandioses Bild ab. Nicht nur sieht das Spiel, dank der Fox Engine, fantastisch aus, nein, es läuft auch noch mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde, was sich merklich auf die Reaktionen der Spielfigur und somit positiv auf das Gameplay auswirkt. Besonders in der prallen Sonne der afghanischen Wüste sieht das Spiel wirklich unverschämt gut aus. Was dabei noch fehlt? Musik-Hits aus den 80er Jahren natürlich! Im Laufe des Abenteuers kann man an allen möglichen Orten Musik-Kassetten finden, die man anschließend während den Missionen über das iDroid als Hintergrundmusik abspielen lassen kann. Was sich im ersten Moment merkwürdig anhören mag, entpuppt sich als geniale Kombination, die fast immer perfekt zur Stimmung des Spiels passt. Auch die englischen Sprecher rund um Kiefer Sutherland und Troy Baker liefern durch die Bank einen überzeugenden Job ab.

FAZIT

Ist Metal Gear Solid V: The Phantom Pain denn nun das große Meisterwerk von Kojima Productions? Die Antwort könnte man sowohl mit ja, als auch mit „ja mit Abzügen“ beantworten. Wer auf die volle Ladung des typischen Metal Gear-Wahnsinns mitsamt Over-the-Top-Präsentation, sowie ausschweifenden Zwischensequenzen steht, wird dieses mal wohl nicht vollkommen überzeugt. Zwar gibt es auch diese Stellen immer mal wieder, doch der Fokus liegt eindeutig auf der spielerischen, anstatt auf der inszenatorischen Seite. Nach dem erzählerisch grandiosen aber spielerisch eher mauen Einstieg, folgt nämlich das eigentliche Spiel, welches beide Elemente genau umdreht. Die Auslagerung von wichtigen Story-Details auf Audio-Kasetten, sowie der etwas zu stumme Protagonist Big Boss, fallen dabei besonders negativ auf. Wer hingegen auf ein spielerisch tadelloses Stealth-Action-Abenteuer hofft, der wird keinesfalls enttäuscht, denn MGS V gehört hier mit Abstand zu den besten Titeln. Ever. Experimentierfreudige Spieler werden die Freiheit bei der Herangehensweise der Missionen zu schätzen wissen und dadurch häufig mit unerwarteten und einmaligen Situationen belohnt. Etwas schade ist es, dass man mit Afghanistan und Afrika nur zwei Schauplätze hat, welche zudem leider sehr leblos daherkommen und sich zu schnell für so ein umfangreiches Spiel abnutzen. Mit 40-50 Stunden Spielzeit – allein für die Geschichte – und weiteren 150 Nebenmissionen, sowie dem motivierenden Management und Ausbau der Motherbase, wird hier nämlich ansonsten ein gewaltiger Spielumfang geboten. Abschließend bleibt zu sagen, dass Metal Gear Solid V: The Phantom Pain ein absolutes Muss für jeden Steal-Action Fan ist und einen würdigen Abschied von Serienschöpfer Hideo Kojima darstellt.

 

Getestet auf PlayStation 4

Ouji

Ouji

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