Im Test: Tearaway Unfolded

Media Molecule lieferte 2013 mit Tearaway ein Spiel ab, das seiner Zeit sowohl von Kritikern als auch Spielern hoch gelobt wurde. Als PlayStation Vita exklusiver Titel wusste es damals vor allem mit seiner gelungenen Einbindung der hardwarespezifischen Features der Vita zu überzeugen und ist auch heute noch ein Aushängeschild für die kreativen Möglichkeiten des Handhelds. Der große kommerzielle Erfolg blieb aber leider aus, weshalb man nun knapp zwei Jahre später eine rundum erneuerte Umsetzung für den großen Bildschhirm bringt. Doch ob das gut gehen kann? Ein auf die spezifischen Hardwarefeatures der Vita konzipiertes Spiel, soll nun einfach so auch mit einem normalen Controller vor dem Fernseher spielbar sein?  Wie und ob das Konzept auch auf der PlayStation 4 aufgeht, erfahrt ihr in meinem Test zu Tearaway Unfolded.

Was ist alt und was ist neu?

Wer Tearaway bereits auf der Vita gespielt hat, dem wird der reine Aufbau des Spiels bekannt vorkommen, denn die Story und das grundlegende Spieldesign haben sich nicht verändert. Ihr wählt zu Beginn zwischen einem weiblichen oder männlichen Boten und macht euch auf, um eine Nachricht zum mysteriösen Portal im Himmel zu bringen. Durch dieses gelangen immer wieder böse Kreaturen in die Welt, „Schnipsel“ genannt, welche sich euch auf eurer langen Reise in den Weg stellen werden. Doch auch wenn das Grundkonzept gleich geblieben ist, wird schnell klar, dass es sich bei Tearaway Unfolded nicht nur um einen simplen Port in hübscherer Optik handelt, sondern um ein  komplett neues Spiel, welches das Vita-Original nur noch als Basis verwendet.

Mehr Content = mehr Spaß?

Statt 15 gibt es nun ganze 17 Level, die nicht nur viele neue Gebiete mit sich bringen, sondern auch lebendiger und weitläufiger sind als zuvor und es somit dieses Mal auf eine Gesamtspielzeit von etwa zehn Stunden bringen. Doch nicht nur die Größe an sich hat sich verändert, auch gibt es mehr zu entdecken, sowie neue Nebenaufgaben zu erledigen. Das kann von zu findenden Gegenständen, über kleine Rätsel, bis hin zum Fotografieren bestimmter Personen eigentlich alles sein. Tearaway Unfolded bietet dabei genügend Abwechslung, auch wenn sich die Belohnungen leider stets nur auf Konfetti beschränken, von dem man im Laufe des Spiels ohnehin mehr als genug findet und es insgesamt keinen bedeutenden Nutzen hat. Man kann mit diesem neue Dekorationsgegenstände oder Filter für die Kamera kaufen, welche man aber bis auf wenige Ausnahmen nicht zum Voranschreiten der Story benötigt.

Von Vita auf PS4: ein gelungener Übergang!

Natürlich wäre es fatal gewesen, wenn man versucht hätte die PlayStation Vita-spezifischen Spielelemente auf Biegen und Brechen genau so auch auf der PlayStation 4 umzusetzen. Glücklicherweise hat Entwickler Media Molecule das aber ganz genauso gesehen und sich daher überlegt, wie man stattdessen die PlayStation 4 eigenen Features nutzen kann, um neue frische Spielideen einzubauen. So hat man beispielsweise nun die Fähigkeit mit einem einfachen Wisch über das Touchpad die Windrichtung zu ändern und so z.B Papierfetzen umzuwehen um Brücken zu bauen oder einfach um Gegner wegzuschleudern. Eine anderes Feature ist es, dass man den Dualshock Controller in dunklen Gebieten als Taschenlampe benutzen kann, um so den Weg zu finden, Rätsel zu lösen oder feindliche Schnipsel zu blenden.

Besonders gelungen ist das Zielen und Werfen von Gegenständen. So kann man nun bestimmte Dinge in der bunten Papierwelt aufheben und direkt in Richtung Spieler, also quasi „durch“ den Fernseher werfen. Der Gegenstand befindet sich nun im Controller und kann von dort aus wieder gezielt via Touchpad in die Spielwelt abgefeuert werden. Verstärkt wird die Immersion zusätzlich noch dadurch, dass man den Gegenstand durch die Lautsprecher des Controllers hören kann, wenn man diesen schüttelt. Das sind nur einige der kreativen Spielideen, mit denen ihr in Tearaway Unfolded konfrontiert werdet und die zeigen, wie man die Features der PlayStation 4 gelungen demonstriert. Meisterhaft wie kaum ein anderer Titel schafft man es außerdem ständig die vierte Wand zu durchbrechen und so die Bindung vom Spieler zum Spiel zu verstärken.

Zu „viel“ Kreativität?

Das Spiel hält sich niemals zu lange mit einem Spielelement auf und überrascht euch spätestens nach 30 Minuten wieder mit einer neuen frischen Idee. Das mag auf der einen Seite toll und abwechslungsreich sein, kann allerdings manchmal auch zu Lasten des Pacings führen. Gerade wenn man sich an ein neues Feature gewöhnt hat, kommt schon das nächste um die Ecke und nimmt wieder das Tempo aus dem Spiel. Während andere Entwickler um jede dieser Mechaniken ein eigenes Spiel gebaut hätten, hat man hier wohl nicht gewusst wohin mit dem ganzen Ideenfeuerwerk. Neben all den neuen Gameplayelementen auf der PS4, konnte man aber auch einige Elemente der Vita-Version wiederverwerten und teilweise sogar verbessern. So ist es nun möglich die Trampoline im Spiel zu aktivieren, indem man ganz einfach das Touchpad in der Mitte des Controllers drückt, anstelle des eher mühseligen und ungenauen Rücktouchpads der Vita. Das Zeichnen via Touchpad kommt hingegen nicht an die Präzision des Touchscreens heran, gelingt aber nach einigen Versuchen doch besser als man denken würde. Besonders lobenswert ist, dass sich insgesamt keines der genutzten Features aufgezwungen anfühlt und spielerisch stets leicht von der Hand geht.

Alte Schwächen bleiben

Der Bote an sich steuert sich so wie man es bereits aus dem Vita-Original kennt. Ihr lauft, hüpft, rollt und neuerdings fliegt ihr auch mit ihm durch die kunterbunte Papierwelt um so den Gipfel des Berges zu erreichen. Weiterhin können die Sprünge etwas schwammig sein, die Kamera verhakt sich manchmal hinter Gegenständen und auch die Laufgeschwindigkeit von Iota hätte man gerne anheben können. Insgesamt halten sich die Makel aber sehr in Grenzen und bieten ein mehr als solides Gesamtpaket. Tearaway versteht sich dabei auch nicht als reiner Plattformer, sondern schafft seine ganz eigene Identität durch den „Misch-Masch“ an vielen Spielelementen. Leider verliert es dabei aber auch den Anspruch wirklich fordernd zu sein und kann dadurch Spieler, die auf der Suche nach extremen Herausforderungen sind, auf Dauer nicht motivieren. Für Kinder und alle die schon genug Spaß an den kreativen Spielideen und am Basteln und Zeichnen der verschiedenen Dekorationsgegenstände finden, dürfte das allerdings kaum ins Gewicht fallen.

Wer trotz der Einbindung von so gut wie jedem Feature der PlayStation 4 immer noch nicht genug hat, der hat zusätzlich noch die Möglichkeit eine PlayStation-4-Kamera anzuschließen und sich die Tearaway Unfolded-App für das Smartphone herunterzuladen. Mit der PS4-Kamera könnt ihr euer Gesicht – wie im Vita-Original – an bestimmten Stellen der Spielwelt sehen. Mit der Smartphone-App könnt ihr hingegen echte Dinge fotografieren und mit diesen dann eure Spielwelt tapezieren und verschönern.

Papier, überall Papier!

Eine der großen Stars des Spiels ist und bleibt die papiergefertigte Welt von Tearaway Unfolded. Sämtliche Gegenstände sehen wie echte Pappe aus und zudem auch so, als ob man sie tatsächlich nachbasteln könnte. Die Figuren versprühen dabei mit ihrer Fantasiesprache sowie ihren – beinahe schon stop-motion-artigen – Bewegungen jede Menge Charme und sind aufgrund der Power der PlayStation 4, zahlreicher denn je in der Welt anzutreffen. In flüssigen 60 Bildern pro Sekunde läuft das Spiel bis zum Ende ohne merkliche Einbrüche und darf sich dank seines kohärenten und in sich stimmigen Grafikstils auch zu einem der hübschesten PS4-Spiele zählen. Hinzukommt wieder ein fantastischer Soundtrack, der vor allem Fans von Folk-Musik zusagen wird. Groß verändert hat sich hier allerdings nichts. Wer Tearaway bereits auf der Vita gespielt hat, dem werden die meisten Tracks schon bekannt vorkommen.

FAZIT

Tearaway Unfolded zeigt eindrucksvoll wie es möglich ist, ein komplett auf die Vita ausgerichtetes Spiel auf den großen Fernseher zu bringen. Statt einer 1:1 Kopie oder eines simplen HD-Ports, haben sich die Entwickler von Media Molecule merklich Gedanken gemacht, wie man das Spielkonzept von Tearaway auf die PlayStation 4 übertragen kann – ohne dabei den Charme und die Ideenvielfalt des Originals auf der Strecke zu lassen. Die neuen Features rund um den Dualshock Controller sind allesamt schlüssig, gut zu steuern und wirken niemals aufgesetzt. Die tolle Papierwelt ist dank der Power der PlayStation 4 nun noch größer, schöner sowie belebter und kann weiterhin mit seinen humorvollen Kreaturen vollends überzeugen. Einige Kritikpunkte des Vita-Spiels, wie die etwas hakelige Steuerung und Kamera, bleiben jedoch weiterhin. Auch stellt es sich mit den vielen neuen Spielideen manchmal selbst ein Bein, worunter das Pacing leiden kann. Wer auf einen skurrilen 3D-Plattformer-Mix steht, der nicht viel spielerisches Können abverlangt, dem Spieler aber alle paar Meter ein Lächeln auf das Gesicht zaubert und gerne mal die vierte Wand bricht, der kann hier guten Gewissens zuschlagen. Denn eines ist Tearaway Unfolded auf jeden Fall: einzigartig!

 

Getestet auf PlayStation 4

Ouji

Ouji

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