Im Test: The Order 1886

Entwickler Ready at Dawn, vielen vielleicht bekannt als das Studio hinter den PlayStation-Portable-Ablegern von God of War, wagen sich mit ihrem neuesten Projekt erstmals in die Gefilde der großen Heimkonsolen-Produktionen. Mit einer Entwicklungszeit von über vier Jahren, viel historischer Recherche-Arbeit und einer eigenen Engine im Gepäck, möchte man nun mit einer frischen IP erstmals so richtig durchstarten. The Order: 1886 wirbt mit einem unverbrauchten Setting in einem alternativen viktorianischen London, einer atemberaubenden Optik, sowie einer spektakulären Inszenierung, wie man sie sonst nur aus Hollywood-Filmen kennt. Ob dies am Ende zutrifft und ob The Order: 1886 auch in allen weiteren Punkten zu überzeugen weiß, könnt ihr nun in meinem ausführlichen Test zum Spiel erfahren.

Eine altbekannte Geschichte

Ihr übernehmt die Rolle des Sir Galahads, einem angesehenen Ritter eines uralten Ordens, der die Menschheit seit jeher vor den sogenannten Halbblütern schützt. Menschen, die sich in werwolfartige Wesen, Lykaner genannt, verwandeln können. Doch neben der Bedrohung der Halbblüter, gibt es eine weitere Gefahr, nämlich die aufkommenden Rebellen der hungernden Bevölkerung. Als Galahad durch Zufall einer möglichen Verschwörung der Aristokraten auf die Schliche kommt, beginnt er langsam aber sicher die Glaubwürdigkeit des eigenen Ordens in Frage zu stellen. So viel zur Geschichte selbst. Das alternative London in The Order: 1886 wird schnell etabliert und die Figuren stellen sich sofort als die Stereotypen heraus, die sie auch sind. Der scherzende Frauenheld Lafayette, die taffe aber auch verletzliche Isabeau und der Mentor und Vaterersatz Malory sind die drei Figuren, mit denen Galahad selbst die meiste Zeit verbringt. Daneben gibt es noch den genialen Wissenschaftler Nikola Tesla, der den Orden mit allerlei neuen Waffen und Geräten versorgt. Die Chemie unter den Charakteren stimmt allerdings, die Gespräche sind stets unterhaltsam und die Schauspieler/Sprecher machen einen wirklich guten Job. Leider erfährt man von den Figuren aber doch zu wenig, um mit etwaigen Schicksalsschlägen mitfühlen zu müssen. Das größere Problem ist aber die Geschichte an sich. Die Prämisse des zwiegespaltenen Helden ist erst mal nichts schlechtes, wenn auch gewiss nichts neues, aber was daraus gemacht wurde ist einfach plump. Und weil man schnell weiß wo die Reise hingeht, wirkt das Verhalten der Charaktere an gewissen Stellen absolut unglaubwürdig. Unglücklicherweise kommt es dann noch zu einem abrupten Ende und viele der Fragen und Storystränge bleiben ungeklärt offen. Zurück bleibt eine extrem gut inszenierte, aber mittelprächtige Geschichte. Wie gern hätte ich mehr über die Hintergründe des Ordens, die Beweggründe der Lykaner oder über das mysteriöse Schwarzwasser erfahren. Leider vertröstet uns Ready at Dawn hier höchstens auf einen Nachfolger.

Die Shooter-Revolution?

Kommen wir nun zum „eigentlichen“ Kern eines Spiels, dem Gameplay. Denn trotz der vielen Zwischensequenzen steckt in The Order: 1886 natürlich immer noch ein klassischer 3rd-Person Shooter. Und „klassisch“ trifft es hier wie die Faust aufs Auge. Denn wer mit The Order die nächste große Evolution des Genres erwartet, der wird hier bitter enttäuscht. Die überwiegende Zeit schießt man sich mit den meist streng vorgegebenen Standardwaffen durch die beinahe klaustrophobisch schlauchigen Level. Die Shoot-Out Passagen kündigen sich dabei bereits so offensichtlich an, dass man meinen könnte, das Spiel sei eine gewollte Parodie auf gängige Genres-Klischees. Die vielen hüfthohen Deckungen und roten Fässer lächeln einen bereits von der Ferne aus an und werden schließlich durch eine gigantische Welle an gegnerischen „Selbstmordattentätern“ ad absurdum geführt. Erstaunlich ist hierbei nicht nur die Anzahl der urplötzlich auftauchenden Gegner, sondern auch mit welcher Selbstverständlichkeit sie ohne Rücksicht auf Verluste angreifen. Eine intelligente KI sieht anders aus. Immerhin fühlt sich dann das eigentliche Schießen gut an. Treffer geben ein befriedigendes optisches als auch akustisches Feedback, und ab und zu darf Gallahad auch mal mittels Bullettime-Fähigkeit sein Können beweisen. Ein besonderes Highlight sind hierbei außerdem die Spezialwaffen von Nicola Tesla. Ein Blitze-schießendes Gewehr oder eines, welches die Gegner mit einem gewaltigen Windstoß umbläst, sind schöne Abwechslungen zu den sonstigen Standardschusswaffen. Leider wird gerade diese Besonderheit vom Spiel viel zu selten genutzt. Die Stellen an denen man eine der Spezialwaffen benutzen kann, sind an einer Hand abzählbar.

Ein spielbarer Film?

Daneben bietet The Order: 1886 noch einige halbgare und teils frustrierende Schleichpassagen sowie die Kämpfe gegen die werwolfartigen Halbblüter, die Lykaner. Und gerade diese Begegnungen hätte man wohl kaum uninspirierter gestalten können. Statt als angsteinflößende und wilde Bestien, stellen sich die Lykaner schnell als dämliche Gegner mit genau einem einzigen Angriffs-Muster heraus: Sie rennen auf den Spieler zu – der Spieler muss die X-Taste im richtigen Moment drücken um auszuweichen – nach geglückter Ausweichrolle rennen sie wieder weg um ihren nächsten Ansturm vorzubereiten, was dem Spieler die Möglichkeit gibt zu schießen. Das war es, mehr gibt es nicht zu beachten und das selbst, wenn man gleichzeitig gegen mehrere Lykaner kämpft. Glücklicherweise beschränken sich diese Begegnungen auf genau zwei im gesamten Spiel. Der Rest des etwa siebenstündigen Abenteuers wurde mit reichlich Quick-Time-Events versehen, die manchmal mehr, oftmals aber auch nicht wirklich nötig gewesen wären. Manchmal entsteht deswegen der Eindruck, dass die Entwickler selber nicht wussten, wie sie den Spieler hierbei ins Geschehen einbinden können. Den traurigen Höhepunkt bildet hierbei der Endkampf, der nicht nur absolut anspruchslos daher kommt, sondern auch exakt in der gleichen Form, in einer früheren Passage des Spiels vorkommt.

Das alternative London

London als Schauplatz trägt ungemein zur tollen Atmosphäre des Spiels bei. Ob in den Gebäuden wie zum Beispiel dem Hauptquartier des Ordens, in den Einkaufsstraßen oder in den düsteren U-Bahn-Stationen, die Kulisse wirkt stets glaubhaft. Auch die Kostüme der Figuren, allen voran die verschiedenen Uniformen der Ritter, gehören mit zu den besten Designs, die man in dem Bereich finden kann. Man merkt, wie sehr sich das Team mit dem Stil der damaligen Zeit auseinandergesetzt hat und sich Gedanken darüber gemacht hat, wie auch futuristische Dinge, wie manche der Geräte von Nicola Tesla, auszusehen haben, um trotz allem für die damalige Zeit plausibel zu wirken. Und auch wenn die eigentliche Interaktivität mit der Welt eher spärlich ausfällt, so ist es doch immer wieder interessant, wenn man dann mal mit Gallahad einige der detailverliebten Gegenstände näher betrachten kann. Das Erkunden lohnt sich generell aber eher weniger, da es nichts zum Sammeln gibt, was einem im Spiel weiterhelfen würde. Ein paar Briefe und Aufnahmegeräte sind dabei schon das Höchste der Gefühle und um letztere abspielen zu können, muss man auch noch das Spiel pausieren.

Ein Meilenstein der Technik

Wo es so gut wie nichts zum meckern gibt, ist die technische Seite des Spiels. The Order läuft durchgehend flüssig und sieht dabei noch unverschämt gut aus. Man wird es derzeit sehr schwer haben auch nur ein Konsolenspiel zu finden, das auf einem ähnlichen grafischen Niveau ist. Von den Charaktermodellen, über die detaillierten Waffenmodelle bis hin zur opulenten Umgebung. Alles sieht nicht nur spitze aus, sondern wirkt auch noch wie aus einem Guss. Noch nie war der Übergang von Zwischensequenzen und dem eigentlichen Spiel so fließend. Störend kann anfangs das Cinemascope-Format mit seinen schwarzen Balken am oberen und unteren Bildschirmrand sein, doch nach etwa dreißig Minuten fällt einem auch das nicht mehr negativ auf. Im Gegenteil, denn durch die cineastische Inszenierung und den vielen tollen Kameraeinstellungen, gelingt es dem Spiel dadurch eine einmalige Erfahrung zu bieten. Passend dazu liefern sowohl die englischen als auch deutschen Sprecher einen tollen Job ab und brauchen sich in ihrer Qualität nicht vor größeren Filmsynchronisationen zu verstecken. Zu guter Letzt trägt auch noch der Soundtrack des Spiels einen guten Teil zur tollen Stimmung bei. Zwar bleiben einem bis auf das Hauptthema kaum Stücke wirklich in Erinnerung, doch die eingespielte Musik passt stets äußerst gut auf die Situation in der man sich gerade befindet.

FAZIT

Was bleibt also zusammenfassend zu sagen? The Order :1886 hat mich mit seinem tollen Setting und der atemberaubenden Optik gut an die Konsole gefesselt. Die filmische Aufmachung kommt dem Spiel dabei zu Gute und verleiht diesem sogar eine Art Alleinstellungsmerkmal. Die Charaktere sind durch die Bank weg Stereotypen, aber es sind interessante Stereotypen, deren volles Potenzial nur leider nicht genutzt wurde. Die Geschichte ist mehr Mittel zum Zweck und die Beweggründe der handelnden Figuren sind auch manchmal kaum nachvollziehbar. Die größte Enttäuschung ist dabei aber das abrupte Ende, dass mehr wie der Abschluss des ersten Akts eines Films wirkt und viele wichtige Fragen offen lässt. Wer zudem Tiefe und Abwechslung im Gameplay sucht, der wird hier nicht glücklich. Das Spiel ist die meiste Zeit über ein, zugegebenermaßen ordentlicher, Standard-Third-Person Shooter ohne wirkliche Highlights. Tolle Spezialwaffen werden hier und dort angedeutet, aber das große Potenzial dahinter wird leider nicht genutzt. Und „Potenzial“ ist hier das große Stichwort. The Order: 1886 zeigt an allen Ecken eine Menge davon, nur bleibt es dann häufig einfach ungenutzt. Ob es das wirklich detailliert gestaltete London, die werwolfartigen Halbblüter oder eben die Geschichte an sich ist.  Wem würde ich das Spiel also nun empfehlen? Die Frage ist so allgemein nicht ganz einfach zu beantworten. Wer Lust auf eine nette Geschichte mit grandioser Inszenierung, opulenter Grafik und dichter Atmosphäre hat und wem diese Dinge wichtiger sind als komplexe Gameplay-Mechaniken, der kann hier nicht so viel falsch machen. Absolute Gameplay-Puristen sollten aber lieber die Finger davon lassen, vorallem auch weil das Spiel keinerlei Wiederspielwert bietet. Es ist eine spaßige Achterbahnfahrt, die man aber kein zweites Mal erleben muss. The Order: 1886 ist ohne Frage ein polarisierendes Stück Software, aber wer sich auf die Bedingungen einlässt, der wird über die Spielzeit von etwa 7-8 Stunden gut unterhalten. Da die Engine nun steht und die Welt etabliert wurde, hat der angedeutete zweite Teil jedenfalls eine Menge Potenzial, viele der Mängel des ersten Teils auszumerzen.

 

Getestet auf PlayStation 4

Ouji

Ouji

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.